Danke an Thomas Heinrichs von miragon
processpitch Episode 60: GBTEC unter der Lupe – Plattform, Purismus und der KI-Zug
In der Episode nehmen sich Mirko und Thomas sich die vorherige EPISODE Sebastian Pommerin von GBTEC noch einmal im Detail vor.
Die Ausgangslage: Ein Blick zurück auf Mythos BPMN
Ihr erinnert euch: In der Mythos-BPMN-Reihe schauten wir uns an, wie verschiedene Tools mit einem standardisierten BPMN-Modell umgehen. Sebastian von GBTEC hatte damals ein von Patrick (Flowable) erstelltes Modell importiert und weiterverarbeitet. In dieser REACTIONS-Episode nehmen Mirko und Thomas diese Demonstration noch einmal unter die Lupe, kommentieren sie und ordnen sie ein.
Die zentralen Diskussionspunkte im Überblick
- Der BPMN-Import: Funktioniert, aber mit Abstrichen.
Thomas stellt sofort klar, dass Interoperabilität zwischen Tools kein Selbstläufer ist. Er verweist auf die Model Interchange Working Group der OMG, die genau das testet. GBTEC hat hier 2020 das letzte Mal teilgenommen und damals gut abgeschnitten. Das ist ein Pluspunkt. Der Import des Modells klappt in der Demo, aber die Darstellung weicht optisch ab – jedes Tool hat eben seine eigenen Pixelwerte. Ein größeres Manko aus Sicht des Puristen Thomas: Das importierte Modell hatte kein finales End-Event. Stilistisch schwach, für die Engine aber kein Problem. - Die Plattform-Strategie: Alles aus einer Hand.
GBTEC verkauft keine Einzeltools, sondern die „BIC Platform“ (Business Intelligence Center). Das bedeutet: Prozessmodellierung, -automatisierung, Dokumentation, Governance und sogar Process Mining und GRC sollen aus einem Guss kommen. Thomas sieht hier klassische Vor- und Nachteile:- Vorteil: Du musst als Kunde keine verschiedenen Lösungen unterschiedlicher Hersteller integrieren und koordinieren.
- Nachteil: Du begibst dich in eine massive Vendor-Lock-in-Situation. Wenn der Hersteller die Preise radikal erhöht, steckst du in der Falle. Die Entscheidung für oder gegen eine All-in-One-Plattform ist eine strategische, die jedes Unternehmen für sich treffen muss.
- Der „Process House“-Ansatz vs. Purismus.
Sebastian demonstriert, wie man in BIC von einer strategischen Prozesslandkarte bis hin zum ausführbaren Workflow navigieren kann. Thomas erkennt darin das Prinzip des „Prozesshauses“ (machmal auch „Camunda House“ genannt) wieder, das eine Hierarchie von Prozessen vorsieht. Die Diskussion entbrennt jedoch an der praktischen Umsetzung: Die Aufteilung in Swimlanes und die farbliche Kennzeichnung von externen Teilnehmern im Modell entspricht nicht ganz dem BPMN-Standard, was dem Puristen in Thomas schmerzhaft auffällt. - Fachbereich vs. IT: Wer macht was?
Ein zentraler Punkt der Demo ist die Behauptung, der Fachbereich könne große Teile der Automatisierung (Formulare, E-Mails, sogar KI-Anbindungen) selbst erledigen und die IT nur für spezifische Servicetasks (z.B. REST-API-Anbindungen) hinzuziehen. Thomas korrigiert hier deutlich: Dieses „Über-den-Zaun-Werfen“ ist der falsche Ansatz. Echte digitale Transformation funktioniert nur im gemeinsamen Diskurs zwischen Fachbereich und IT. Das Ziel sollte ein gemeinsames, agiles Team sein, nicht die Abschottung von Aufgaben. Tooling allein löst diese kulturelle Herausforderung nicht. - Der Hype-Zug: Künstliche Intelligenz.
Sebastians Lieblingsfeature ist eindeutig „Arty“, der integrierte KI-Helfer. In der Demo lässt er Arty einen zufälligen Credit Score generieren und einen Ablehnungstext verfassen. Hier ist Thomas erneut skeptisch:- Für hochregulierte, deterministische Prozesse (wie einen Kreditantrag) sei der Einsatz von undurchsichtiger KI fahrlässig. Hier brauchst du nachvollziehbare, regelbasierte Entscheidungen (z.B. mit DMN).
- Es bleiben critical security questions offen: Wie schützt sich GBTEC vor Prompt-Injection-Angriffen, bei denen ein Nutzer die KI manipuliert?
- Das Fazit: Die Demo ist effektiv, um Tante Liselotte vom KI-Feature zu überzeugen. Für den ernsthaften Produktivbetrieb in kritischen Prozessen sind die gezeigten Use-Cases aber mit Vorsicht zu genießen.
- Das GBTEC-Ökosystem: Ein erster Eindruck.
Die Reaction-Show gibt einen guten Einblick in die Philosophie von GBTEC: Man setzt auf Benutzerfreundlichkeit für den Fachbereich (Matrix-Ansicht für Excel-Freunde, Drag & Drop Formulareditor, Excel-Formeln in Feldern), Integration und den großen Plattform-Gedanken. Die Oberfläche wirkt funktional. Die Stärke scheint in der vermeintlichen Geschlossenheit der Lösung zu liegen.
Fazit: Eine solide Plattform mit den typischen Trade-offs
GBTEC macht mit der BIC Platform einen soliden Eindruck. Der BPMN-Import funktioniert, die Plattform bietet eine breite Palette an Modulen und verspricht, die Lücke zwischen Modellierung und Automatisierung zu schließen. Der große Elefant im Raum bleibt der Vendor-Lock-in. Die Entscheidung für GBTEC ist eine Entscheidung für eine komplette Welt.
Die kritischste Note bekommt der leichtfertige Umgang mit KI in der Demo. Arty mag ein lustiges Feature sein, aber es sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass sein Einsatz in ernsthaften Geschäftsprozessen klare Regeln und Sicherheitsvorkehrungen braucht, die nicht thematisiert wurden.
Die REACTION-Episode zeigt vor allem eins: Hinter jeder Tool-Demo stecken strategische Entscheidungen, technische Trade-offs und jede Menge Stoff für Diskussionen.

